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Wo beginnt Gewalt?
erschienen im Forum f√ľr Friedenserziehung der Schweizerischen Friedensstiftung, Mai 2001

Aus p√§dagogischer Sicht gibt es zwei Arten zu lernen. Entweder am Vorbild oder auf Grund gemachter negativer Erfahrung. Der von den Beh√∂rden des Bundes und des Kantons Graub√ľnden verh√§ngte Ausnahmezustand √ľber Davos Ende Januar war ein St√ľck Schweizer Geschichte, woraus es viel zu lernen gibt. Zu lernen gibt es f√ľr alle. Die Verantwortlichen in Politik und Justiz haben sich zu √ľberlegen ‚Äď hoffentlich tun sie es -, welche Massnahmen getroffen werden k√∂nnten, damit bei einem allf√§lligen Weltwirtschaftsforum im kommenden Jahr die Grundrechte unserer Demokratie gewahrt bleiben. Wir vom Widerstand gegen eine Globalisierung zugunsten der wenigen Reichen, haben uns rechtzeitig besser zu vernetzen um gemeinsam und gewaltfrei wirksamen Widerstand leisten zu k√∂nnen.

Hat Gewalt wirklich erst am geschichtstr√§chtigen Samstag angefangen? Was ist denn alles Gewalt? Darf ich nicht auch von Gewaltanwendung reden, wenn in den Vorbereitungsgespr√§chen f√ľr das Podium mit dem WEF-Pr√§sidenten, Herr Schwab, trotz unserem beharren auf gleichen Rahmenbedingungen, festgehalten wird, dass Herr Schwab eingangs seine neue Multivideo-Schau zeigen wird? Ein Dialog sollte das Podiumsgespr√§ch werden. Diese Zielsetzung hindert Herr Schwab nicht, w√§hrend der Diskussion, w√§hrend ich spreche, das Podium zu verlassen. Nach der Pause begr√ľndet er sein Weggehen mit einer Vereinbarung mit einer Delegation aus Indien, die ihn immer am Rande des WEF rasch treffen. Ist dieses Gehabe jetzt als subtile Gewalt zu beurteilen? Jedenfalls war es eindr√ľcklich f√ľr mich selber zu erfahren, wie sich Herr Schwab einen Dialog vorstellt. Gewalt und Macht scheinen sehr eng miteinander verkn√ľpft zu sein.

In den kommenden Tagen hatte ich Zeit um √ľber die Sicherheitsvorkehrungen, √ľber die √Ąngste der Verantwortlichen innerhalb und ausserhalb der Stacheldrahtumz√§unung nach zudenken. Und was bewirkte die Getthoisierung und Militarisierung bei der Davoser Bev√∂lkerung? Und wie erlebten die Kurg√§ste die kriegs√§hnlichen Zust√§nde? Einem Kurgast aus Deutschland wurden in St.Margrethen schon alle Koffern durchsucht. Schliesslich hatte die Frau ja ein Billett: "Davos retour" bei sich. Die Dorfb√§ckerei hat praktisch keine Kundschaft, nur die Einheimischen kommen diese Woche vorbei. Touristinnen und Touristen gibt es wenige diese Woche. Ab wann sprechen wir von struktureller Gewalt? Diese Frage hat mich w√§hrend dieser Woche in Davos nicht losgelassen.

Und dann der Samstag: Nicht einmal der von der Theologischen Bewegung gemachte Vorschlag eine Menschenkette machen zu d√ľrfen, wurde erlaubt. Welche Mittel haben wir sonst, um allf√§llige Personen, die zu physischer Gewalt bereit sind, zu neutralisieren? Viele M√∂glichkeiten standen uns nicht offen. Einfach jedes Mal einige Schritte zur√ľckzugehen, wenn das Absperrgitter, von einem Riesen-Polizeifahrzeug gestossen, auf uns zuf√§hrt. Und einfach Kopf runter und dorthin, wo's frei ist, wenn die Wasserwerfer uns wieder um einige Meter zur√ľckdr√§ngen.

Die paar hundert Protestierenden haben die Erwartungen der Polizei nicht erf√ľllt. Niemand hat dreingeschlagen, niemand hat Sachschaden angerichtet. Deshalb waren die Schlagzeilen am Montag auch √ľber Z√ľrich. Es ist dringend, √ľber Gewaltanwendung im weitesten Sinne nachzudenken, auch √ľber Gewalt und Macht durch Medien.  
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