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Der wachsende Charme der politisch guten Menschen
erschienen in Facts Nummer 18, 04.05.2005

Mit ihren Forderungen kassieren sie Niederlage um Niederlage. Die von ihnen besonders laut beschworene Political Correctness erntet oft Hohn und Häme. Warum legen die Grünen bei Wahlen trotzdem zu?

Wie sagt man «Gutmensch» zu einer Frau? Der Gutmensch Pia Hollenstein? Die Gutmenschin?

Das eine stimmt sprachlich, das andere ist korrekt. Politisch korrekt, oder in der Kampfsprache politically correct. Wie Pia Hollenstein, Jahrgang 1950, Berufsschullehrerin im Gesundheitswesen, grüne Nationalrätin seit 1991. Die drahtige Dame aus Sankt Gallen gilt im Bundeshaus als Idealtypus der politisch korrekten Weltverbesserer: 206 Vorstösse hat die Aktivistin nach aktueller Zählung eingereicht. Der letzte zum «Einsatz des Bundesrats zum Verbleib des 11. Pantschen-Lama».

Gutmensch Pia Hollenstein? «Wenn Gutmensch heisst, dass es sich noch lohnt, für gewisse Dinge einzustehen, dann bin ich ein Gutmensch», sagt sie. «Ich glaube nicht, dass es schadet.»

Müsste es eigentlich. Denn auf die Gutmenschen mit ihrer Political Correctness prasselt seit Jahren ein Crescendo von Häme und Hohn aus dem Mainstream der veröffentlichten Meinung. In den grossen Parteien sind die Moralisten unter Druck.

Aber die Grünen sind es nicht. Sie eilen von Wahlerfolg zu Wahlerfolg - klarer, deutlicher und stetiger als die Sozialdemokratie. Und dies, obwohl sie keines ihrer Anliegen realisieren: Klimaschutz, Verkehrshalbierung, Geschlechterquoten, vorzeitige Rente für Kleinverdiener, die «Energiewende» - alles Vorhaben, denen Bundesbern und die Volksmehrheit den Rücken kehren. Dennoch klettert der grüne Wähleranteil.

Auch Hollenstein wurde vor anderthalb Jahren mit einem Glanzresultat zum vierten Mal in den Nationalrat geschickt. «In der Stadt erhalte ich mittlerweile mehr Stimmen als Peter Weigelt», sagt sie; der FDP-Nationalrat Weigelt, PR-Unternehmer und Erbe des radikalen «Trumpf Buur», verhält sich zu Hollenstein etwa wie Darth Vader zu Luke Skywalker. Für ihren Erfolg hat die Grüne zwei Erklärungen. Die erste: «Bei mir sagen die Leute: Die macht wenigstens etwas.» Die zweite: «Bei mir wissen die Leute: Die erzählt nicht vor den Wahlen etwas und nach den Wahlen etwas anderes.»

Das tönt wie die «Schweizer Qualität» der SVP. Ihr Wahlslogan verspricht: Wir tun, was wir sagen - wie Pia Hollenstein und auch erfolgreich. «Im Grunde sind wir und die SVP die Moralisten in der Politik», sagt der grüne Nationalrat Daniel Vischer. Und in Zug meint Nationalrat Josef Lang: «Unsere Rolle ist klar die Rolle einer Wertepartei.» Im viertgrössten Öl- und grössten Kaffeeumschlagplatz der Erde haben die grünen Alternativen einen Wähleranteil von 14 Prozent, in der Stadt Zug sind es 18 Prozent. «Wenn es um den Finanz- und Handelsplatz geht, läuft der Diskurs entlang der Linie Moral versus Mammon», sagt Lang. Das hiess früher: Global denken - lokal handeln. Genau der Satz, den Bundesrat Christoph Blocher in seiner Rede zum einjährigen Amtsjubiläum sagte, aber spiegelverkehrt meinte: Er forderte mehr «Realismus» über die Lage der Schweiz und geisselte «die herrschende Political Correctness, die die Wirklichkeit leugnet und Realisten regelrecht kriminalisiert».

«Der SP macht das Bauchweh
Wenn Blocher global denkt, kommt ihm der internationale Standortwettbewerb in den Sinn. Denkt Lang global, geht es um «die Ausbeutung der Dritten Welt». Daraus leitet er politisches Handeln ab. Während des Irak-Kriegs organisierten die Grün- Alternativen jede Woche eine Demonstration. Nach der Havarie des Öltankers «Prestige» organisierten sie eine Kundgebung gegen die in Zug ansässige Eigentümergesellschaft Crown Resources. Die Sozialdemokraten distanzierten sich. Lang: «Immer, wenn es auf der Zuger Bühne spannend wird, ist die SP weg.» Ein Phänomen, das sich anderswo wiederholt. Zum Beispiel im Streit um die Ansiedlung des US-Gentechfirma Amgen im freiburgischen Galmiz. «Ich bin der einzige Freiburger Politiker, der sagt, Galmiz sei der falsche Standort», sagt Hubert Zurkinden, Generalsekretär der Grünen. «Der SP macht das Bauchweh.» Der grüne Zwist zwischen Ökologen und linken Gesellschaftsveränderern ist entschieden, die Grünen sind die Partei links von den Sozialdemokraten. «Ich bin konsequent links», sagt Pia Hollenstein von sich selbst.

«Ökologisch konsequent, sozial engagiert, global solidarisch»: Der Wertekatalog der Grünen Partei ist im Wortsinn erschöpfend. Konsequent verstanden, lässt er keinen Fluchtweg aus dem allzeit be- reiten Engagement für die «Erhaltung der Lebensgrundlagen» der Erde.

Wie die Bibel. Dort heisst dasselbe «Bewahrung der Schöpfung» und hat ebenfalls Konjunktur: Die Evangelische Volkspartei, die im Reservoir der fundamentalistischen Christen fischt, befindet sich in einem ähnlichen Aufwärtstrend wie die Grünen. Generalsekretär Zurkinden, ein ausgebildeter Theologe, spürt wachsenden Bedarf nach den grünen Werten: «Die Leute merken, dass die neoliberale Ideologie, die Freiheit des Stärkeren, nicht aufgeht. Ein Bedürfnis nach Sicherheit, Integriertsein, sozialer Absicherung meldet sich stark zurück. Und eine Sehnsucht nach weniger Überfluss.»

Ein Megatrend. Der deutsche Politik-Wissenschaftler Franz Walter diagnostiziert «eine ungeheure Talfahrt der postmaterialistischen Werte» und den Übergang in die Gegenrichtung - hin zu «Bindung» und «Geborgenheit in schützenden Vergemeinschaftungen».

Im Laufe der Neunzigerjahre sank der Wähleranteil der Grünen. Parallel dazu nahm die Bedeutung ihres Kerngeschäfts, der Ökologie, für die Wählerschaft ab. Seit zwei Jahren wendet sich das Blatt. Eine junge, vom Protest gegen Krieg und Globalisierung motivierte Generation stosse zur Partei, behaupten grüne Politiker. «Die Grünen», sagt Daniel Vischer, «profitieren davon, dass man das Gefühl hat, sie seien die besseren Menschen. Es stört mich, wenn Grüne darauf reduziert werden.» Vischer glaubt, die Partei stehe sich selber auf den Füssen, wenn sie nur auf moralische Appelle baut: «Mit Gutmenschen allein schöpfen wir unser Potenzial von 15 Prozent nicht aus.» Er wünscht sich «radikale Sachpolitik» im Stil des Streetfighters. Wie, hat er bei der Schaffung der Swiss vorgeführt. Während die Fraktion, ökologisch korrekt, gegen die Staatsmilliarde stimmte, kämpfte der Gewerkschaftsfunktionär des betroffenen Personals dafür. «Ich bin realistisch», sagt Pia Hollenstein. Zurzeit steckt sie im Masters-Lehrgang «angewandte Ethik» an der Universität Zürich. Man liest NZZ-Artikel und klopft sie auf die Schlüssigkeit der Argumentation ab. Das sei «wertvoll für die Politik», meint Studentin Hollenstein. Und auch sonst: «Ein Master in Ethik ist bei jeder Anstellung ein Plus.»
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Werte erleben ein Comeback, passĂ© sind die Zeiten einer Gesellschaft, in der viel erlaubt war und wenig galt. Wer in der öffentlichen Debatte gehört werden will, spricht wieder laut moralisch - und nicht bloss rein sachlich. Doch wer sind die modernen Moralisten? Was unterscheidet sie von den HĂĽtern der guten, alten Werte? In einer Serie geht FACTS der schleichenden Entwicklung nach und porträtiert erfolgreiche Werteverkäufer von heute.  
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