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Der Einsatz für die weltweite Verwirklichung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung lohnt sich

Pia Hollenstein ist seit drei Jahren Pr├Ąsidentin der Vereinigung "Freundinnen und Freunde der Neuen Wege". Aus Anlass ihres 50. Geburtstags am 13. September dieses Jahres befragte sie der Redaktor zu ihrem Weg zu den Neuen Wegen und zu ihrer "religi├Âs-sozialen" Grundhaltung als gr├╝ne Politikerin. Das Gespr├Ąch zeigt eine vielseitige Nationalr├Ątin, die sich durch ein Drittwelt-Engagement auf ihre politische Arbeit vorbereitet hat und sich heute als linke und pazifistische Fl├╝gelfrau innerhalb der Gr├╝nen Partei versteht. Die Grundwerte von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch├Âpfung sind unserer Gespr├Ąchspartnerin wichtig. In ihnen verbinden sich f├╝r sie Religi├Âser Sozialismus, kirchliches Engagement und gr├╝ne Politik.

NW: Pia Hollenstein, Anlass f├╝r dieses Gespr├Ąch ist Dein 50. Geburtstag am 13. September, zu dem ich Dir im Namen unserer Leserinnen und Leser ganz herzlich gratuliere. Es ist eine sch├Âne Tradition unserer Zeitschrift, Pers├Ânlichkeiten, die sich um die Neuen Wege verdient gemacht haben, an runden Geburtstagen zu einem Gespr├Ąch einzuladen und dadurch unseren Leserinnen und Lesern n├Ąher zu bringen. Du bist seit drei Jahren Pr├Ąsidentin der Vereinigung "Freundinnen und Freunde der Neuen WegeÔÇť, mit ÔÇ×erst" 50 Jahren die j├╝ngste, die es je gab, ├╝brigens auch die erste Frau in diesem Amt und die erste, die aus der Gr├╝nen Partei der Schweiz kommt. Wie f├╝hlst Du Dich in Deiner Funktion bei den Neuen Wegen?
Danke f├╝r die Gl├╝ckw├╝nsche. Mir sind Kontakte mit Gleichgesinnten ausserhalb der Politik sehr wichtig. Ich mache die Arbeit f├╝r die Neuen Wege zusammen mit dem Vorstand sehr gern. Da ich die Grundausrichtung der Religi├Âs-Sozialistischen Vereinigung und der Neuen Wege teile, f├╝hle ich mich bei dieser Aufgabe zu Hause. Mein Wohlbefinden in einer Umgebung ist nicht prim├Ąr von deren Parteizugeh├Ârigkeit abh├Ąngig, sondern von den Menschen und ihrer Gesinnung. Die Arbeit f├╝r die Neuen Wege erm├Âglicht mir, mich vermehrt mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die ├Âkonomischen und die politischen, aber auch die spirituellen Bedingungen einer solidarischen, friedensf├Ąhigen und ├Âkologischen Gesellschaft realisiert werden k├Ânnen.

NW: Das f├╝hrt uns zur Frage nach Deinem Verh├Ąltnis zum Religi├Âsen Sozialismus. Als Dein Vorg├Ąnger Hansj├Ârg Braunschweig Dich fragte, ob Du Pr├Ąsidentin der "Freundinnen und Freunde der Neuen Wege" werden m├Âchtest, wolltest Du zuerst Genaueres ├╝ber unser "Sozialismusverst├Ąndnis" erfahren. Ich habe Dir damals verschiedene Texte ├╝ber den Religi├Âsen Sozialismus geschickt. Darauf liess Dein positiver Bescheid nicht lang auf sich warten. Worin liegt f├╝r Dich als umweltpolitisch engagierte Politikerin, aber auch als K├Ąmpferin f├╝r die Menschenrechte und als Friedensfrau die ├ťbereinstimmung mit dem Religi├Âsen Sozialismus?
Mein gr├╝nes, feministisches und pazifistisches Engagement deckt sich weitgehend mit den Zielsetzungen des Religi├Âsen Sozialismus. Zusammen mit den Resos bin ich ├╝berzeugt, dass sich der Einsatz f├╝r die weltweite Verwirklichung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch├Âpfung lohnt. Indem der Religi├Âse Sozialismus immer wieder auf die Sinnfrage verweist und die ethische Verantwortung in der Welt betont, begleitet und vertieft er meine politische Arbeit als Anw├Ąltin f├╝r die Umwelt, die soziale Gerechtigkeit, die demokratische Partizipation in Staat und Gesellschaft, den Schutz der Minderheiten und die Gewaltfreiheit. Ich k├Ânnte auch sagen, die Grundwerte des Religi├Âsen Sozialismus seien deckungsgleich mit den Grundwerten der Gr├╝nen Partei. Was hinzu kommt, ist die spirituelle Dimension.

NW: Eine politische Partei kann ja auch keine Spiritualit├Ąt verordnen. Diese ist Sache der einzelnen Mitglieder und ihrer besonderen Motivation f├╝r die politische Arbeit. Aber ich nehme an, dass viele Gr├╝ne aus dieser Spiritualit├Ąt zu einem politischen Engagement gekommen sind.
Ja, trotz Kirchenfrust haben sich viele Mitglieder der Gr├╝nen und wohl auch der SP ihre Spiritualit├Ąt bewahrt.

NW: Dein Engagement f├╝r Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch├Âpfung ist auch nicht erst von heute. Du bist Mitglied der ├ľkumenischen Kommission f├╝r Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Sch├Âpfung der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen Appenzell/St. Gallen. Du hast ebenfalls einen vierj├Ąhrigen Theologiekurs f├╝r Laien absolviert. Damit wird Dein kirchlicher Hintergrund deutlich. Wie aber hat sich Deine "kirchliche Sozialisation" entwickelt? Du bist auf einem Bauernhof im Toggenburgischen Libingen aufgewachsen, in einer katholischen Familie mit f├╝nf Br├╝dern und drei Schwestern. Ich gehe wohl recht in der Annahme, dass diese Herkunft Dir eher den Weg zur CVP nahegelegt h├Ątte?
Es kommt vor, dass Freundinnen und Freunde aus der CVP mich auf meine CVP-Wurzeln ansprechen, etwa auf die Tatsache, dass doch mein Vater jahrzehntelang f├╝r die CVP im Gemeinderat von Mosnang gewesen ist. Wenn ich dann h├Âre, dass ich doch eigentlich in der "falschen Partei" sei, antworte ich, dass ich mir eine Mitgliedschaft in der CVP dann ├╝berlegen k├Ânnte, wenn diese Partei die christlichen Werte, die sie zu vertreten vorgibt, auch wirklich leben und verwirklichen w├╝rde. Meine katholische Erziehung hatte nebst Einengung und Drohp├Ądagogik auch und vor allem etwas sehr Befreiendes. Ich hatte aus dem sp├╝rbar gelebten Glauben meiner Eltern fr├╝h erfahren, dass wir f├╝r unser Tun zwar die Verantwortung tragen, dass aber die Machbarkeit nicht allein in unseren H├Ąnden liegt. F├╝r dieses mir geschenkte Urvertrauen bin ich noch heute dankbar.

NW: Wurdest Du durch Deine Familie politisiert? Hast Du Geschwister, die auch Deinen politischen Weg gegangen sind?
Ich wurde in der Familie politisiert. Als 19j├Ąhrige liess ich mir Unterlagen vom Komitee f├╝r das Frauenstimmrecht zukommen. Das war wohl mein erstes politisches Engagement. Ich konnte die Pro-Argumente gut gebrauchen, denn mein Vater war gegen das Frauenstimmrecht. Im Kanton St. Gallen geh├Ârte er zur Mehrheit, die das Frauenstimmrecht in der eidgen├Âssischen Volksabstimmung 1971 ablehnte. Er meinte, wenn eine Ehe gut funktioniere, w├╝rden ohnehin beide Teile gleich stimmen. F├╝r mich war es absolut unverst├Ąndlich, dass mein Vater und meine Br├╝der in politischen Fragen entscheiden konnten, w├Ąhrend ich dazu als Frau ÔÇô einfach weil ich Frau bin - nichts zu sagen hatte.

Von meinem Vater habe ich aber gelernt, dass man sich einerseits f├╝r die sozial Schw├Ącheren einsetzen und anderseits Natur und Umwelt Sorge tragen soll. W├Ąre mein Vater 60 Jahre j├╝nger, k├Ânnte ich ihn mir gut bei den Gr├╝nen vorstellen. Wie es bei unserer diskutierfreudigen Familie nicht anders sein kann, bin nicht nur ich in die Politik eingestiegen. Zwei meiner Br├╝der machen aktiv mit bei den Gr├╝nen. Ein weiterer Bruder ist f├╝r die CVP Gemeindeammann. Eine Schwester hat ebenfalls den Weg zur CVP eingeschlagen.

Eigentlich hatte ich mir fr├╝her einmal ein politisches Engagement ohne Partei vorgestellt. Ich musste dann aber einsehen, dass eine wirkliche politische Einflussnahme nur innerhalb einer Partei m├Âglich ist. Darum bin ich zu den Gr├╝nen gegangen. Und heute bin ich froh um diesen Schritt.

NW: Bist Du bei den Gr├╝nen nicht etwas am Rande des politischen Spektrums, gewissermassen eine linke und pazifistische Fl├╝gelfrau?
Ja, ich stelle mich selber dorthin. Wobei der Pazifismus bei den Gr├╝nen nichts Besonderes ist. Der Feminismus gewiss auch nicht. Was das soziale Engagement betrifft, positioniere ich mich innerhalb der Gr├╝nen Partei klar am linken Fl├╝gel. Das hat nat├╝rlich auch mit der Geschichte der St. Galler Gr├╝nen zu tun, die urspr├╝nglich aus der Gr├╝nen Alternative St. Gallen GRAS hervorgegangen sind. Ich geh├Âre zu jenen, die sich nach wie vor f├╝r eine Armeeabschaffung stark machen. Ich geh├Âre aber zu den Wertkonservativen, wenn es um die Zulassung der aktiven Sterbehilfe geht, die ich mit meiner Berufsethik nicht vereinbaren kann.

NW: Wie h├Ąltst Du es mit der Straflosigkeit des Schwangerschaftsabbruchs?
In dieser Frage m├Âchte ich den Frauen die Entscheidungsfreiheit zugestehen. Ich glaube auch, dass es mit einer Liberalisierung weniger Abbr├╝che geben wird. Ist der Schwangerschaftsabbruch keine strafbare Handlung, dann kann auch offener dar├╝ber und ├╝ber m├Âgliche Alternativen gesprochen werden.

NW: Inwiefern hat Dein beruflicher Werdegang zu Deiner Politisierung beigetragen? Du bist einerseits diplomierte Krankenschwester und arbeitest heute als Berufsschullehrerin im Gesundheitswesen, anderseits warst Du drei Jahre in Papua Neu Guinea als Leiterin eines Health Centre im Busch. Gibt es da Erfahrungen, die Dich gepr├Ągt und Deine politische Orientierung beeinflusst haben?
Die ganze Auslanderfahrung ist bis heute pr├Ągend f├╝r mein politisches Engagement. Mein Einsatz in Papua Neu Guinea ├Âffnete mir Herz und Augen f├╝r die weltweiten Zusammenh├Ąnge. Ich wurde mir vermehrt bewusst, dass unser pers├Ânliches und politisches Handeln ÔÇô oder auch unser Nicht-Handeln ÔÇô hier in der Schweiz mit dem Leben der Menschen in anderen L├Ąndern und Kontinenten zu tun hat.

Erst durch meine Auslanderfahrung lernte ich die Schweiz richtig kennen. Ich habe dabei auch sehr viel ├╝ber mich selbst und ├╝ber meine Kultur erfahren. Als ich in die Schweiz zur├╝ckkam, konnte ich mich auch f├╝r meine politischen Werte sehr viel bestimmter einsetzen, als dies mir zuvor m├Âglich gewesen w├Ąre. Weil ich mich auf konkrete Erfahrungen berufen konnte, habe ich mir eher zugetraut, hier in der Schweiz f├╝r mehr Gerechtigkeit einzutreten. und mich dazu auch besser imstande gef├╝hlt.

Mit diesem andern Blickwinkel habe ich mich dann 1987 den Gr├╝nen angeschlossen und auch f├╝r den Gemeinderat der Stadt St. Gallen kandidiert. Zwar hatte ich mich fr├╝her schon politisch engagiert. Auch meine Entscheidung, in einem Entwicklungsprojekt von "INTERTEAM" (INTERTEAM ist eine ├Âkumenische Organisation der Entwicklungszusammenarbeit, mit Sitz in Luzern, das Fachleuten in lokale Entwicklungsprojekte drei- bis f├╝nfj├Ąhrige Personaleins├Ątze in Lateinamerika, Afrika und dem S├╝dpazifik vermittelt.) zu arbeiten, war politisch motiviert. "Interteam" bot mir Gew├Ąhr daf├╝r, dass meine Arbeit wirklich den Bed├╝rftigen zugute kam und nicht irgendeiner Oberschicht.

NW: Ein solcher Entscheid kommt ja nicht ├╝ber Nacht. Geh├Ârte es auch zu Deiner kirchlichen Sozialisation, dass Du Dich entwicklungspolitisch engagieren wolltest?
Das hat mit meiner fr├╝hen Jugendzeit zu tun, als Missionarinnen und Missionare in unsere Gemeinde kamen und von ihrer Arbeit f├╝r die Armen berichteten. Solche Berichte faszinierten mich. Hinzu kam nat├╝rlich auch ein St├╝ck Abenteuerlust. Was immer es auch im letzten gewesen sein mag, schliesslich wusste ich einfach, dass mein Weg mich in diese dreij├Ąhrige Entwicklungsarbeit f├╝hren w├╝rde.

Meine ├╝brigen politischen Engagements vor dem Beitritt zu den Gr├╝nen waren eher bescheiden. Ich hatte Briefe und Proteste gegen die Apartheid geschrieben oder das Konto bei einer Bank gek├╝ndigt, die mit dem damaligen S├╝dafrika kommerzielle Kontakte pflegte. Dar├╝ber hinaus hatte ich auch schon an Friedensm├Ąrschen teilgenommen.

NW: Es gibt Leute, die nach einem solchen Engagement in einem Drittweltland die R├╝ckkehr in ihre alte Heimat wie einen "Kulturschock" erfahren, der sie zur politischen Passivit├Ąt verurteilt. Bei Dir war das genaue Gegenteil der Fall.
Schon vor meinem Einsatz in Papua Neu Guinea war mir bewusst, dass mein eigentliches, mein pers├Ânliches und politisches Engagement f├╝r eine bessere Gesellschaft nach meiner R├╝ckkehr hier erst recht beginnen w├╝rde. Die Hintergrunderfahrung eines sogenannten Entwicklungslandes s sollte mich daf├╝r besonders vorbereiten. Es diente zweifellos der Kl├Ąrung meiner Motivation, dass ich unter diesem Blickwinkel meinen Einsatz angetreten habe. Einen "Kulturschock" konnte ich auch dadurch verhindern, dass ich die Kontakte zu meinen Freundinnen und Freunden in der Schweiz von Papua Neu Guinea (PNG) aus weiter pflegte. Als ich PNG verliess, bin ich zuerst durch Australien, Neuseeland und die USA gereist. Nach den Erfahrungen in den USA war die Schweiz schon fast "o.k." und konnte in mir keinen "Kulturschock" mehr ausl├Âsen.

NW: Inwiefern hat Dein beruflicher Werdegang als Krankenschwester zu Deiner Politisierung beigetragen? Das Gesundheitswesen unterliegt ja Rahmenbedingungen, die sehr wohl von der Politik gesetzt werden.
Nein, meine berufliche Arbeit im Gesundheitswesen hat mich kaum politisiert. Das politische Bewusstsein in der Berufsgruppe der Pflege ist noch immer sehr unterentwickelt. Erst durch meine politische Arbeit habe ich vermehrt eingesehen, wie diese Zusammenh├Ąnge sich darstellen. Mein Einsatz gilt heute klar der Besserstellung der Pflegenden.

NW: Da hat sich da und dort doch einiges ge├Ąndert. Ich denke an die "Aktion Gsundi Gsundheitspolitik (AGGP)" in Z├╝rich.
Es sollte auch an andern Orten solche Bewegungen geben. Ich sehe, wie sich immer mehr Pflegende zusammentun und sich bewusst werden, dass sie sich politisch engagieren m├╝ssen. Noch vor zwanzig Jahren w├Ąre es kaum vorstellbar gewesen, dass sich eine Krankenschwester um ein politisches Mandat bewerben w├╝rde. Heute gibt es schon an meiner Schule junge Frauen, die f├╝r den Gemeinderat und sogar f├╝r den Nationalrat kandidieren. Das Bewusstsein, dass Pflege mit Politik und Politik mit Pflege zu tun hat, ist vor allem bei den Jungen im Zunehmen begriffen. Das h├Ąngt auch mit dem allt├Ąglichen Druck zusammen, den die Pflegenden vermehrt zu sp├╝ren bekommen.

NW: Was unterrichtest Du an der Schule f├╝r Gesundheits- und Krankenpflege Stephanshorn in St. Gallen?
Ich habe an der Schule eine 40-Prozent-Stelle. Auf das Nationalratsmandat mitsamt den Engagements an Wochenenden entfallen 70 bis 80 Prozent. Die Rechnung geht also nicht auf... Ich unterrichte vorwiegend pflegerische F├Ącher, die nach den neuen Ausbildungsbestimmungen an Stellenwert gewonnen haben. Ich bin auch f├╝r die politische Bildung zust├Ąndig, die an unserer Schule wie an den meisten Krankenpflegeschulen heute ein normales Unterrichtsfach geworden ist. Hinzu kommt noch die Berufsethik.

NW: Gibt es in der politischen Bildung keinen Konflikt zwischen der Dozentin und der Politikerin?
Ich bin mir bewusst, dass die Parteipolitik im Unterricht nichts zu suchen hat. Abstimmungsvorlagen, die ja auch Teil des Stoffplanes sind, lasse ich manchmal kontradiktorisch behandeln. Das war z.B. bei der Genschutzinitiative der Fall. Nat├╝rlich behandle ich nicht alle Vorlagen, sondern jene, die uns berufspolitisch angehen oder die nahe an die Lebensrealit├Ąt der Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler herankommen. Auch vor Wahlen organisiere ich Podien mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Parteien. Hinzu kommen praktische Fragen wie: Warum engagiere ich mich in einem Berufsverband? Welche Vorteile bringt eine Parteizugeh├Ârigkeit? Wie schreibe ich einen Leserinnenbrief?

NW: Seit 1991 geh├Ârst Du dem Nationalrat an. Ich wundere mich oft ├╝ber die Vielseitigkeit Deiner politischen Arbeit, bewundere sie auch. In der ersten Amtsperiode warst Du Mitglied der Sicherheitspolitischen Kommission, 1995 hast Du Einsitz in die Verkehrskommission genommen. 1995 bis 1999 warst Du ├╝berdies in der Rechtskommission. Zahlreich sind auch Deine parlamentarischen Vorst├Âsse. Sie betreffen die Verkehrspolitik, die Friedenspolitik und die Menschenrechte in der sogenannten Dritten Welt, vor allem in Afrika. Du bist vor politischen Abstimmungen aktiv ÔÇô sei es f├╝r das Verbot der Kriegsmaterialausfuhr, die Genschutzinitiative, das Asylreferendum, die Verkehrshalbierungs-Initiative oder sei es f├╝r die Bilateralen Vertr├Ąge. Wo hat Pia Hollenstein ihren politischen Schwerpunkt?
Vordergr├╝ndig in der Verkehrspolitik, weil ich Mitglied der Kommission f├╝r Verkehr und Fernmeldewesen bin. Aber als der einzigen Vertreterin der Gr├╝nen in unserem Kanton ist es mir gar nicht m├Âglich, mich auf ein Thema zu beschr├Ąnken. Ich kann mich auch nicht einfach zur├╝cklehnen, wenn Probleme von Asylsuchenden oder Fragen aus dem Umwelt- und Naturschutz oder aus dem Tierschutz an mich herangetragen werden. So habe ich k├╝rzlich eine parlamentarische Gruppe f├╝r Tierschutz gegr├╝ndet, nachdem sich die Mehrheit des Parlaments der Forderung "Das Tier ist keine Sache" verweigert hatte. Wichtig ist f├╝r mich auch die Menschenrechtspolitik. Ich stehe f├╝r dieses Anliegen mit verschiedenen Hilfsorganisationen in Kontakt und habe u.a. den Sudan und Kolumbien bereist. Hinzu kommt die Gleichstellungspolitik, f├╝r die ich mich ebenfalls engagiere. Ich werde in der ├ľffentlichkeit daher als politische Generalistin wahrgenommen.

NW: Was war der Sinn Deiner Reise in den Sudan und nach Kolumbien?
Im Sudan ging es um eine Standortbestimmung von Hilfswerken. Eine parlamentarische Gruppe sollte ihnen bei der Kl├Ąrung der gegenw├Ąrtigen Situation behilflich sein. Nach unserer Reise konnten wir f├╝r die schwierige Situation in diesem Land einiges an ├ľffentlichkeit herstellen. Ich habe z.B. einige Dia-Vortr├Ąge ├╝ber den Sudan gehalten. Nach Kolumbien wurde ich von der dortigen Bischofskonferenz und der Caritas Schweiz eingeladen. Die kolumbianische Bischofskonferenz wollte sich bei europ├Ąischen Parlamentarierinnen und Parlamentariern ├╝ber die Menschenrechtsverletzungen in diesem Land Geh├Âr verschaffen.

NW: Wie bist Du zu dieser Einladung gekommen?
Ich bin auch noch Verbindungsglied zur Arbeitsgruppe SchweizÔÇôKolumbien. Kolumbien ist nebst Papua Neu Guinea ein Schwerpunktland von Interteam-Eins├Ątzen. Da ich ├╝ber die Jahre hinweg immer mit Interteam in Kontakt stand, war es mir ein Anliegen, ├╝ber mein Parlamentsmandat Druck auf die kolumbianische Regierung und nat├╝rlich auch auf lokale Beh├Ârden wegen Menschenrechtsverletzungen auszu├╝ben. Umgekehrt organisiere ich Kontakte zwischen Delegationen aus Kolumbien und dem DEZA oder mit Mitgliedern der Aussenpolitischen Kommission des Nationalrates. So hat z.B. der Pr├Ąsident dieser Kommission den Besucherinnen und Besuchern aus Kolumbien versprochen, dass er den "Plan Columbia", also das im wesentlichen milit├Ąrische Programm der USA zur Drogenbek├Ąmpfung in Kolumbien, auf die Traktandenliste setzen werde.

NW: Hast Du den Eindruck, Dein Einsatz im Land selbst habe einen sichtbaren Erfolg hinterlassen?
Dieser Erfolg l├Ąsst sich schwer messen. Aber es wurde als aussergew├Âhnlich wahrgenommen, dass eine parlamentarische Delegation aus Europa vorbeikommt, mit dem Aussenminister spricht und die Menschenrechte sowie die Forderungen der Friedenskonferenz betont. Der Druck aus Europa auf die Regierung ist nicht zu untersch├Ątzen. Aber auch die lokale Bev├Âlkerung f├╝hlt sich nicht mehr allein gelassen, insofern bedeutet f├╝r sie eine solche Delegation eine grosse Ermutigung.

NW: Im M├Ąrz 1999 wurde ein Postulat der Rechtskommission ├╝berwiesen, das die "Untersuchung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen der Schweiz zu S├╝dafrika in den Jahren 1948 bis 1994" verlangte. Ich stelle immer wieder fest, dass Du im Nationalrat die treibende Kraft hinter dieser Verarbeitung einer anderen d├╝steren Vergangenheit bist, die ebenfalls durch die offizielle Schweiz noch viel zu sehr verdr├Ąngt wird. Was erwartest Du von der erw├Ąhnten "Untersuchung"?
1987 hatte ich mit einer einfachen Anfrage den Bundesrat ersucht, die Beziehung der Schweiz zu S├╝dafrika w├Ąhrend des Apartheidregimes aufzuarbeiten. Weil jedoch der Bundesrat sich auf den Standpunkt stellte, es bestehe kein Handlungsbedarf, da die Fakten ja bekannt seien, habe ich mit einer Parlamentarischen Initiative nachgedoppelt. Der Nationalrat hatte grunds├Ątzlich nichts gegen eine solche Aufarbeitung der Vergangenheit. Aber Firmen und Banken sollten nicht verpflichtet werden, Einsicht in ihre privaten Archive zu gew├Ąhren. Jetzt wird wenigstens mit einem Nationalfondsprogramm die Untersuchung an die Hand genommen. Ich hoffe , dass wir dadurch Belege und Hinweise ├╝ber das Verhalten der staatlichen Institutionen der Schweiz und der Wirtschaft gegen├╝ber dem Apartheidregime und ├╝ber das Ausmass der wechselseitigen Beziehungen erhalten werden. Vieles wird davon abh├Ąngen, inwiefern die Einsichtspraxis in die Archive durch die Bundesstellen wirklich liberal gehandhabt wird und ob die Nationalfondstudie auch wirklich die brisanten Fragen stellen wird.

Aus diesen ersten Erkenntnissen wird sich weiterer Handlungsbedarf f├╝r die Forschung, eben auch im Bereich der privaten Beziehungen von Banken und Versicherungen, ergeben. Das Verh├Ąltnis der Schweiz zu S├╝dafrika kann sich langfristig nur dann positiv entwickeln, wenn wir uns der Vergangenheit stellen.

NW: Wo siehst Du Handlungsbedarf f├╝r die verantwortlichen Firmen, Banken und Versicherungen?
Bis heute wollen Wirtschaft und Politik ihre damalige Mitverantwortung f├╝r das Apartheidregime und dessen Verbrechen nicht zugeben.

NW: Unter anderem haben sie die wirtschaftlichen Sanktionen der UNO unterlaufen.
Ja, die Schweiz war das einzige westliche Land mit bedeutenden Beziehungen zu S├╝dafrika, das keinerlei wirtschaftliche Sanktionen ergriffen hat. Es geht um ein Verh├Ąltnis zu einem Regime, das von der UNO-Vollversammlung wie der Nazistaat als "Verbrechen gegen die Menschheit" verurteilt wurde. In S├╝dafrika gibt es eine breite Bewegung, die daf├╝r k├Ąmpft, die Wahrheit ├╝ber die internationalen Finanz-, Wirtschafts- und Politverflechtungen zu erfahren. Wichtig ist, dass wir uns in der Schweiz nicht aus der Verantwortung stehlen.

NW: Die Schweizer Banken haben dem Regime Darlehen gew├Ąhrt, die man heute als "odious debts" bezeichnen m├╝sste. Sie sind f├╝r die US-amerikanischen Banken eingesprungen, als diese sich wegen einer breiten, nicht zuletzt von den Kirchen getragenen Boykottbewegung aus dem S├╝dafrikagesch├Ąft zur├╝ckzogen.
Da gibt es zweifellos noch offene Rechnungen. Die Schweiz ist mitverantwortlich f├╝r die hohen Auslandschulden von mindestens 26 Mrd. US-Dollars "Das sind 41 Mrd. Franken, die dazu gedient haben, die schwarze Bev├Âlkerung S├╝dafrikas zu unterdr├╝cken und heute die mageren sozialen Ressourcen entziehen, welche f├╝r den Wiederaufbau dringend n├Âtig w├Ąren. Von den 14,6 Mrd. Dollar Schuldengelder des ├Âffentlichen Sektors stammen 20 % aus der Schweiz. Schuldenstreichungs- und Reparationsforderungen sind gestellt.

NW: Allerdings stelle ich fest, dass die offizielle s├╝dafrikanische Politik heute mit der Schweiz sehr glimpflich umspringt.
Noch ist dies der Fall. W├╝rde die s├╝dafrikanische Regierung jetzt schon Forderungen stellen, so m├╝sste sie bef├╝rchten, dass die schweizerischen Unternehmungen noch weniger investieren w├╝rden, als dies heute der Fall ist. Wie ├╝berall auf der Welt ist es nicht zuerst die Regierung, welche ihre Stimme erhebt, sondern Nichtregierungsorganisationen. Die Kampagne f├╝r Entschuldung und Entsch├Ądigung im s├╝dlichen Afrika ist sehr breit abgest├╝tzt. Kirchen und Gewerkschaften spielen dabei eine wichtige Rolle. Die Kampagne wird auch in der Schweiz von Entwicklungsorganisationen, kirchlichen und nicht kirchlichen Organisationen ÔÇô von der Erkl├Ąrung von Bern, der Aktion Finanzplatz Schweiz bis zum HEKS, und anderen ÔÇô mitgetragen. Je eher wir in der Schweiz zu einer Wiedergutmachung oder Entsch├Ądigung bereit sind, desto besser wird sich die Beziehung f├╝r beide Seiten entwickeln.

NW: Als profilierte gr├╝ne Politikerin bist Du immer wieder Diffamierungen und sogar Drohungen ausgesetzt. Sogar bei der Verkehrshalbierungs-Initiative wurde Dir Gewalt angedroht, wenn Du Deine Meinung nicht "sofort" ├Ąndern w├╝rdest. Wie gehst Du damit um?
Es war eine schlimme Drohung. Ich habe deshalb Anzeige erstattet. Schliesslich erf├╝llt eine solche Drohung den Tatbestand einer strafbaren Handlung.

NW: Wie verhalten sich die staatlichen Organe bei derartigen Anzeigen?
Dar├╝ber k├Ânnte ich fast ein Buch schreiben. Es war ja nicht meine erste Anzeige. Ein Jahr zuvor hatte ich eine Morddrohung auf dem Telefonbeantworter. Sie kam aus einer Telefonkabine in Luzern und lautete: "Das Boot ist voll, Sie m├╝ssen standrechtlich erschossen werden." Ausl├Âser war ein vom "Beobachter" ver├Âffentlichter Brief, worin ich dem Redaktor f├╝r sein Editorial gratulierte, welches titelte: : "Das Boot ist nicht voll."

Bei unserer Kantonspolizei ist es immer m├╝hsam, die diensthabenden Leute davon zu ├╝berzeugen, dass solche Drohungen einerseits strafbare Handlungen, anderseits ernst zu nehmen sind. Auch aus diesem Grund habe ich den Sicherheitsdienst der Bundesversammlung ersucht, diese Probleme anzugehen. Jetzt muss ich bei der n├Ąchsten Drohung wenigstens nicht mehr die Kantonspolizei auf den Knien bitten, dass sie meine Anzeige ├╝berhaupt aufnehmen, ich kann k├╝nftig direkt in Bern anrufen, damit die n├Âtigen Vorkehrungen getroffen werden.

Wichtig ist, dass die Diffamierungen und Drohungen, denen Politikerinnen und Politiker ausgesetzt sind, enttabuisiert und bek├Ąmpft werden. Das ist durch die Diskussion der letzten Monate weitgehend passiert. Wir haben ├ľffentlichkeit hergestellt f├╝r die Erkenntnis, dass es bei der Androhung von Gewalt um eine strafbare Handlung geht und dass die T├Ąter ÔÇô ich w├Ąhle bewusst die m├Ąnnliche Form ÔÇô verfolgt werden. Zuvor konnten diese davon ausgehen, dass ihnen ja doch nichts passieren w├╝rde. Nat├╝rlich weiss ich nicht, wer und was hinter einer solchen Drohung steht. Die Einsch├Ątzung, dass es sich um pathologische Motive handelt, macht die T├Ąter aber nicht weniger gef├Ąhrlich.

Seit ich mit diesem Problem an die ├ľffentlichkeit gegangen bin, habe ich ├╝brigens keine Morddrohungen mehr erhalten.

NW: Mitunter kann man sich fragen, ob Pia Hollenstein sich f├╝r die Politik verzehrt oder auch noch leben weiss.
Abstand von der Politik ist mir sehr wichtig. Ich versuche vor allem in den Bergen aufzutanken. Ich klettere leidenschaftlich und unternehme auch Hochtouren. Zum Beispiel habe ich vor zwei Jahren den Mont Blanc bestiegen, was aber gleichzeitig eine politische Aktion war. Die Besteigung war der H├Âhepunkt einer Aktionswoche der internationalen Alpenschutzbewegung Mountain Wilderness, woran auch Parlamentarier aus Frankreich und Italien teilgenommen haben. Anschliessend habe ich auch einen Vorstoss eingereicht mit der Forderung, das Mont Blanc-Gebiet ins Verzeichnis der Weltnaturg├╝ter, ins UNESCO-Inventar, aufzunehmen. Eben komme ich von einer Velo-Woche entlang der Donau zur├╝ck. Ich jogge ein- bis zweimal pro Woche. Aber auch das Zusammensein mit Freundinnen und Freunden ausserhalb der Politik ist mir sehr wichtig. Und dann gibt es Zeiten, wo ich mich gern zur├╝ckziehe, um einfach zu Hause zu sein.

NW: Welches sind Deine Pl├Ąne f├╝r die n├Ąhere und fernere Zukunft?
Diese Frage hat mir schon lange niemand mehr gestellt. Aber vielleicht ist der 50. Geburtstag wirklich ein Moment, dar├╝ber nachzudenken. Ich f├╝hle mich mit meinen Kr├Ąften und Energien so gut in Fahrt, dass ich in den n├Ąchsten Jahren auf meinem Weg weiter machen m├Âchte. Wie in den letzten Jahren werde ich also meine politische Arbeit als Nationalr├Ątin und mein berufliches Engagement an der Krankenschwesternschule fortsetzen. Die beiden Bereiche sind durch Welten voneinander getrennt, gerade darum schaffen sie einen Ausgleich und erg├Ąnzen sich.

Was die Arbeit f├╝r die Neuen Wege angeht, freue ich mich auf das "Projekt 2001", das es uns erlauben wird, die Zeitschrift in einer neuen Form zu pr├Ąsentieren. Ich freue mich auf eine weitere gute Zusammenarbeit mit dem Vorstand und hoffe, unsere Leserinnen und Leser bei der einen oder andern Gelegenheit besser kennenzulernen.  
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